Die schönsten Pläne
… hatte sie, und sie träumte sich unter anderem in die schottischen Highlands … Sie wollte durch wilde Naturlandschaften wandern, dabei neue interessante Menschen kennenlernen. Sie hatte sogar überlegt, länger in manchem Ort zu verweilen – oder womöglich für immer zu bleiben?
Skandinavien und der Süden Europas reizte sie ebenso … wilde Fjorde sehen, weites Land, Nordlichter … dann im Süden ein bisschen Sonne und Wärme tanken … Mallorca, Lanzarote oder Kreta oder Toskana … Hinterher vermutlich nach Hause zurückkehren ins behagliche Heim, die Familie wiedersehen und fleißig ihrer Arbeit nachgehen. Vorfreude, Kraft und Ressourcen sammeln für den nächsten wunderbaren Trip.
Ist das Schicksal
Wenn das Leben einfach so weiter verlaufen wäre, hätte sie ihre Pläne ganz sicher umgesetzt. Hätte! Konnte sie aber nicht. Denn das Leben wollte – und will es offensichtlich noch immer – anders: Erst brach ein Rohr, dann die Gesundheit und schließlich das Geschäft. War das vom Schicksal gewollt?
Wenn sie morgens beim Frühstück sitzt, beschleichen sie seltsame Gedanken. Dann hat sie das Gefühl, etwas völlig Verrücktes anstellen zu können. Die Siebensachen packen, ins Auto setzen und nach Irgendwo-Nirgendwo abhauen. Weit weg. Highlands? Carson nach?*) Und dann? Das würde sich zeigen, aber erst dann, wenn … nein, falls sie so etwas tun würde. Tut sie aber nicht. Zu vernünftig? Vermutlich.
Pläne vereitelt
So schön sie sind, einstweilen bleiben ihre Pläne nichts als schöne Träume. Die Geschehnisse der jüngeren Vergangenheit haben ihr gezeigt, dass eine schöne langfristige Planung immer in Gefahr ist, durch unerwartete Ereignisse zunichte gemacht zu werden. Gerade sah das Leben noch einfach, rosig und wunderbar aus, die Aussicht in die Zukunft fantastisch – doch im nächsten Moment verdüstern dicke schwere Wolken jedes Licht. Kein Gedanke mehr an die Pläne, die Konzentration wird abgelenkt, der Blick sucht das Licht im Dunkel.
Zeit ist relativ
Das Leben besteht aus zahllosen Momentaufnahmen. Wie lange dauert eigentlich ein Moment?
Mancher Moment fühlt sich an, als dauere er eine Ewigkeit. Ein anderer ist so rasch vorüber, dass er kaum wahrgenommen wird. Vierundzwanzig Stunden sind und bleiben vierundzwanzig Stunden. Jede Stunde hat sechzig Minuten, eine jede von ihnen sechzig Sekunden. Daran ist nicht zu rütteln. Wenn der Eindruck entsteht, dass die Zeit langsamer oder viel schneller als gewöhnlich vergeht, ist das nur eine Frage der Empfindung und der Qualität, die man der Zeit verleiht. Ein Moment kann die Dauer eines Wimpernschlages haben oder sich gefühlt über lange Zeit hinziehen. Es gibt keine Maßeinheit, die das beziffern könnte.
Ein düsterer Moment, der ewig zu währen scheint, wird irgendwann erleuchtet durch das anfangs kleine Licht, das zwischen den dunklen Wolken hindurch scheint. Da das Licht auch Wärme liefert, lösen sich die dunklen Wolken allmählich auf, verdunsten und werden zu einem Nichts. Dann strahlt die Sonne unverschämt hell von einem wolkenlosen Himmel.
Mit dem Rücken an der Wand
Wo ist das Licht, fragt sie sich, blickt nach draußen und sieht den bedeckten Himmel. Es ist Juli. Sommerzeit. Aber wo ist der Sommer? Scheint verschollen wie das Licht. Ist der Mangel an Licht im Leben vielleicht gleichzusetzen mit dem Mangel an Sonnenschein? Ist das Düstere draußen die Analogie zur Dunkelheit drinnen?
Solch‘ destruktiven Gedanken mag sie sich nicht länger hingeben. Das eine hat mit dem anderen vermutlich wenig zu tun. Wetter ist, was es ist: Wetter. Es ist nicht beeinflussbar. Und Dunkelheit im Leben ist Teil der Dualität, in der wir leben, denkt sie, und ganz gleich, wie lange sie währt, das Licht folgt dem ungeschriebenen Gesetzt dieser Zweiheit und erhellt früher oder später die Finsternis.
Außerdem: Wer mit dem Rücken an der Wand steht, hat nur einen Ausweg. Vorwärts! Sie fühlt diese Wand im Rücken. Kalt. Hart. Unverrückbar. Keine von der Art, durch die man manchmal mit dem Kopf will, sondern die, an der man langsam abwärts rutscht, bis man auf dem Hintern gelandet ist und sich das Kinn auf den Knien ablegen lässt. Diese Wand ist Stopp und Stütze. Man kann nicht weiter zurückweichen, aber man kann sich an ihr aufrichten, abstoßen, um wieder voranzugehen.
Der Rücken an der Wand ist also gar keine schlechte Option.
Pläne erneuern
Einen Schritt nach dem anderen tun. Was ist möglich? Was bringt mich wieder ins Licht, fragt sie sich. Vor ihrem geistigen Auge sah sie am frühen Morgen ein Füllhorn, aus dem sich feines Gold ergoss und sie ganz und gar einhüllte. Es war nur ein kurzer Moment. Aber er dauerte immerhin länger als ein Wimpernschlag, und er wirkt nachhaltig, ist geistig wie emotional wiederholt nachvollziehbar. Den will sie im Sinn behalten, betrachtet ihn als „gutes Omen“.
Nach dem Bild, das schließlich verschwand, wanderten ihre Gedanken zu ihren Plänen. Was sie dachte, was sie sah … genau da will sie hin. Vereitelte Pläne sind nicht verloren, sie werden erneuert und vermutlich umso schöner, weil bewusster geschätzt und besonnener umgesetzt.
*) Gälisch für „why not?“
Beitragsfoto von Paul Edney von Pixabay
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