»Solange ich es noch kann …«
Über das Erstaunen bin ich schon hinaus, wenn ich Menschen so reden höre, und ich versuche längst nicht mehr, das bei meinen diversen Gesprächspartnern zu hinterfragen oder sie zu ermutigen, eine andere Einstellung zu erlangen. Inzwischen schüttle ich nur noch innerlich den Kopf.
Das Selbstverständnis, das bei den allermeisten Menschen vorherrscht, lässt sie überzeugt davon ausgehen, dass irgendwann der Rollator vor ihrer Wohnungstüre parkt, der Treppenlift unausweichlich die einzige Chance sein wird, ein paar Stufen ins Obergeschoss zu überwinden und Arztbesuche zur Regelmäßigkeit werden. Und eines Tages wird … »man nicht mehr können« …
Erinnerung
Irgendwann ging ich die Reihen meiner, inzwischen teilweise verstorbenen, Verwandten durch. Keiner von ihnen dachte an Pflegebedürftigkeit, regelmäßige Arztbesuche, dauerhafte Medikamenteneinnahme oder eine Gehhilfe. Demenz? Nein. Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Schwäche, Diabetes und Co.? Nein. Ich habe ein sehr altes Foto der Großfamilie meiner Mutter. Nicht eines der Familienmitglieder hatte Übergewicht. Das finde ich bemerkenswert.
Ein Großvater verstarb an einer inneren Blutung. Der andere schlief nach kurzem Unwohlsein in seinem Bett ein. Die Tanten und Onkel haben inzwischen alle ein ansehnliches Alter erreicht und leben noch – sie sind mittlerweile in ihren 80ern, einer sogar in den 90ern angelangt. Alle klar im Kopf und medikamentenunabhängig, was für die Ärzte an ein Wunder grenzt. Und über die Frage, wer sich um die Pflege der älteren Herrschaften kümmert, ob ein Pflegeheim infrage kommt, musste sich niemand kümmern. Es ergab sich die Notwendigkeit nicht.
Gute Gene oder nur die Frage der Lebenseinstellung?
Manchmal dachte ich, dass es die Gene sein könnten, ja. Doch ich weiß es besser! Die geistige Haltung zum Leben, zu unserem Körper und seiner Gesundheit ist ein wesentlicher Einflussfaktor für unser Wohlbefinden. Ein ausgeglichener Lebenswandel ist essentiell für die Gesundheit. Das heißt, wir müssen nicht auf die Dinge verzichten, von denen wir (hoffentlich) wissen, dass sie schädlich sein könnten; z. B. ein schmackhaftes Gericht aus der sogenannten „gutbürgerlichen Küche“, Kaffee, Alkohol, Nikotin u. m. a. m. Die Balance ist wichtig! Genießen und Maß halten, ist die Devise. Das ist mal das Eine, was helfen kann.
Das Andere: Vermeidung der medialen Hirnwäsche. Ja, ich nenne das klar beim Namen! Es ist mediale Hirnwäsche. Schon vor sehr vielen Jahren staunte ich über diverse Werbespots. Spontan fällt mir das Thema „Inkontinenz“ ein. Ziemlich junge Frauen (vor allen Dingen Frauen, die Männer kamen später) zeigten betretene, peinlich berührte Gesichter, weil ihnen ein unfreiwillig entlassenes Tröpfchen Urin im Slip gelandet war. Einen Wimpernschlag später strahlten die gleichen Mädels einander an und sprangen fröhlich im Kreis ihrer Enkel oder beim Sport herum, denn sie trugen die ultimative Binde, damit der Slip trocken bleibt. –
Als ich das zum ersten Mal sah, dachte ich: ‚Was für ein Blödsinn!‘ Ist denen nicht klar, dass die Ursache bestehen bleibt und die unerfreuliche Entwicklung fortschreitet, wenn sie ebenjene Ursache beseitigen? Nein! Das ist ihnen nicht (mehr) klar. Weil im Werbespot überzeugend gesagt wird, dass Inkontinenz irgendwann einfach zum Leben gehört, „ab einem gewissen Alter“ … und bedenken Sie bitte, dass die gezeigten Damen im Werbespot nach meiner Einschätzung bestenfalls um die 40 waren. Also eigentlich aktive, bewegliche und offenkundig ansonsten kerngesunde Frauen, die ebenso eigentlich niemals inkontinent werden müssten.
Das ist nur ein Beispiel. Aber wer beeinflusst von z. B. Werbung auf einer (wie ich meine) unbewussten Ebene davon ausgeht, dass das irgendwann Thema im Leben ist, steuert ebenso unbewusst die Entwicklungen in seinem Organismus.
Ein Teufelskreis
Es gibt ungezählte Einflussfaktoren und Gründe, warum Menschen so leicht manipulierbar sind. Dass meine Vorfahren, einschließlich der noch lebenden, es nicht waren/sind, liegt vor allem daran, dass der Fortschritt sich damals in Grenzen hielt. Sie mussten viel laufen, erledigten nicht nur kurze Wege zu Fuß. Sie strengten sich an, stiegen Treppen bis in Obergeschosse, fuhren Fahrrad ohne Motor oder elektrischen Antrieb. Kurz: Sie bewegten sich! Dadurch waren sie nicht nur fitter, sondern auch belastbarer.
Fortschritt in allen Ehren, aber wenn ich mich umschaue, tut er den Menschen nicht (mehr) gut. Schon Kinder werden getragen, gefahren, geschoben, steigen alsbald auf E-Scooter … sie laufen nicht mehr. Spielplätze sind wie leergefegt, und ein Kind, das auf einen Baum geklettert ist, habe ich schon zig Jahre nicht mehr beobachtet.
Gleiches vollzieht sich in der Ernährung: Tiefkühlkost-Fertiggerichte, der Pizza-Service, ja sogar Nahrungsergänzung ersetzt in manchen Küchen die Nahrung, die aus frischen Zutaten selbst zubereitet wird. Nur ein Beispiel: Ich vermisse seit Jahren die Kerne in Weintrauben. Der Biss auf so einen Kern kann recht bitter sein, das weiß ich wohl. Aber genau in diesen Kernen befinden sich außerordentlich wertvolle Inhaltsstoffe: z. B. Oligomere Proanthocyanidine. Den meisten Menschen ist der Stoff als OPC wohlbekannt, man kann ihn nämlich als Nahrungsergänzung kaufen. Kapseln mit dem hochdosierten Wirkstoff kosten schon mal 20 EUR. Das Pulver ist preisgünstiger. Jedenfalls ist beides teurer als ein Pfund Weintrauben MIT Kernen. Merken Sie was?
Es würde zu weit führen, weitere Produkte aufzuführen, deren hochwirksame, der Gesundheit förderliche Inhaltsstoffe inzwischen in der Abteilung Nahrungsergänzung gelandet sind. Aber eins ist klar: Den Biss in einen bitteren Kern möchte der Mensch meiden, denn er will Trauben genießen, die süß und erfrischend schmecken. Entweder hat er nie gewusst, dass schon eine Handvoll Trauben mit Kern den Körper mit einem Schub hochwirksamer Antioxidanzien versorgt, oder er pfeift eben drauf. Sehr zur Freude derer, die Nahrungsergänzungsmittel produzieren und vertreiben.
Der Teufelskreis entsteht durch Nicht-Wissen, Bequemlichkeit und purem Desinteresse. Warum sich die Mühe machen? Irgendwann kommt ja sowieso … und bis dahin genießt man eben einfach … und das »solange man es noch kann«.
Eigenverantwortung
Da bin ich wieder beim Ego, dem faulen Sack, der die große Ecke in unserem Bewusstsein fett ausfüllt – wenn wir es zulassen. Es ist so bequem, sich nicht darum zu kümmern, was gut und weniger gut oder sogar schlecht ist. Anstrengend ist es hingegen, achtsam zu sein für die Balance, auf den Körper zu hören, ihn zu spüren und zu verstehen. Erst recht wenn es um Bewegung geht. Und hier kann ich nicht anders: Sehen Sie sich mal um, wie viele übergewichtige … nein, ich sage es ganz klar: fette Kinder und Erwachsene sich in Ihrem Umfeld bewegen. Ha! Man müsste „bewegen“ vielleicht neu definieren. Und vielleicht wachsen dem Menschen irgendwann die Räder gleich unter den Füßen?
Das blöde Ego begleitet die allermeisten Menschen durchs Leben, bis sie eben nicht mehr können. Sie belasten das Gesundheitssystem und besetzen Arztpraxen mit allerlei Wehwehchen, die sie teilweise oder sogar überwiegend selbst verschuldet haben. Sie übernehmen selbst dann keine Verantwortung, wenn ihre Gesundheit durch ihr selbstschädigendes Verhalten ernsthaft, ja bedrohlich gefährdet ist. Andere sind schuld: die Gene, die Eltern, das schreckliche Leben, Hersteller von Süßkram und Fastfood, die Ärzte und so weiter und so fort. Einsicht? Fehlanzeige. Anregungen, die Situation zu ändern, zu verbessern? Perlen vor die Säue!! Und das Ego reibt sich die Hände. Dem ist es einerlei, wann der ihn umgebende Mensch krepiert.
Fazit
Kurz und trocken: Gesundheit ist Eigenverantwortung. Gewiss wird jeder Mensch einmal krank. Husten, Schnupfen, Heiserkeit, irgendein anderer Infekt oder sogar eine schwere Erkrankung können auftreten, selbst bei denen, die überaus gesund leben. Entscheidend ist der Umgang damit, die Lektion auch, die gelernt werden kann. Man läuft beispielsweise nicht stark verschwitzt draußen herum, wenn die Temperaturen nahe dem Gefierpunkt liegen. Tut man es doch, muss man nicht erstaunt sein, wenn der grippale Infekt ein paar Tage später zuschlägt.
Die Verantwortung für das eigene Wohlbefinden abzugeben ist ein großer Fehler. Einerseits. Andererseits ist es wieder bequem … Sie wissen schon, das Ego, dieses uneinsichtige. Was ja nichts anderes ist als die faule Seite, die jedem Individuum innewohnt.
Meine Erfahrung: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“, auch dann, wenn ich krank bin. Nein, das hat mit Religiosität gar nichts zu tun. Der vielgebrauchte Spruch wird oft belächelt. In meinem Leben hat er sich bewahrheitet – wie im Leben meiner Vorfahren und lebenden Verwandten auch.
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Das Beiragsbild kommt von Pixabay.
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