Die Solistin

Ein paar Worte zuvor

»Zur Überwindung einer Schreibblockade schreibe man einfach mal irgendwas«, riet ich Autoren, die zwar Ideen hatten, aber wie gelähmt vor ihrer Schreibmaschine bzw. dem PC saßen und nichts, aber auch gar nichts zustande brachten. Mir erging es jetzt seit Wochen ähnlich, und ich beherzige meinen eigenen Ratschlag und schreibe mal »irgendwas« …


Die Solistin …

ist eine kurze Geschichte, mit der ich in den Schreibfluss zurückgefunden habe. Also …

Ein schwacher Moment hatte sie erwischt. Sie lag in ihrem Liegestuhl auf der Terrasse und spürte eine unbehagliche Schwingung. Ein Gefühl zwischen entspannter Zufriedenheit und einem Hauch von Melancholie, der sich wie ein dicker werdender Nebel in ihr Inneres schleichen wollte. Der Blick auf den zweiten Liegestuhl hatte das soeben ausgelöst.

Leer war dieser Stuhl. So lange schon. Das war doof, fand sie, denn in diesem Moment war ihr nach etwas Plaudern zumute. Auf ihrem Schoß lag zwar ein wirklich interessantes Buch aufgeschlagen zum Lesen bereit, aber die Erzählung interessierte sie gerade gar nicht. Stattdessen besuchten sie Erinnerungen, und sie unternahm eine kleine gedankliche Zeitreise …

Wie war das früher einfach, dachte sie seufzend. Sie erinnerte sich an die heimlich zugesteckten Botschaften während des Schulunterrichts, in denen die bedeutungsvolle Frage stand: Willst du mit mir gehen? Oder: Willst du meine Freundin sein? Drei kleine Kästchen folgten unter der wichtigen Frage: <Ja> oder <Nein> oder <Vielleicht>. Zu jener Zeit musste das Multiple-Choice-Verfahren eingeführt worden sein. Sie schmunzelte bei diesem Gedanken leicht und blickte versonnen in den trüben Himmel.

Sie erinnerte sich an Martin …

Nachdem sie ein <Vielleicht> angekreuzt hatte, weil sie plötzlich eine kleine Furcht vor dem unbekannten Neuen fühlte und sich ein bisschen genierte, legte Martin sich richtig ins Zeug. Er ließ sie mit seinem neuen Fahrrad fahren, er bat um ihre Unterstützung bei Hausaufgaben, und sie durfte danach mit ihm und seiner Mutter Kaffee trinken. Martin hatte ein großes Aquarium in seinem Zimmer und wusste ganz viel über Zierfische. Das Aquarium war immer so schön beleuchtet und die Fische darin wirkten friedlich und glücklich. Vor allem: still. Sie hatte schließlich aus dem <Vielleicht> ein <Ja> gemacht und war für eine Zeit lang Martins Freundin. Sie gingen Hand in Hand spazieren, und einmal küssten sie sich sogar. Leider zog Martin mit seiner Mutter in eine weit entfernte Stadt. Die Freundschaft endete.

Ob Martin heute so mutig wäre, eine Frau zu fragen, ob sie seine Freundin sein möchte? Sie hätte eine Menge drum gegeben, das zu erfahren. Tatsächlich hatte sie sogar einmal nach ihm gesucht. Im Internet. Aber sie war nicht fündig geworden. Heute erschien ihr die Idee unsinnig. Alte Zeiten kehrten nicht zurück, und Erinnerungen daran waren sentimental und machten manchmal traurig.

Aber die Verbindung zu diesen Erinnerungen war in diesem Moment wichtig für eine bestimmte Frage: Was hatte sich verändert? Es war doch früher … einfacher? Entspannter? Waren die Menschen mutiger? Oder lag es daran, dass sie Kinder waren, unbefangen und gesegnet mit natürlichem Mut? Vom Erwachsensein meilenweit entfernt, erschienen ihnen die Menschen im Alter ihrer Eltern bereits sehr alt. Und die waren selten älter als 30 Jahre zu der Zeit.

Aber heute? Ü30 – sie schüttelte sich bei dem Gedanken. Als sie davon das erste Mal hörte, konnte sie sich gar nichts darunter vorstellen. Als sie es begriff, hatte sie jede Menge seltsame Vorstellungen davon. Sie glaubte zum Beispiel, dass man seinen Personalausweis vorlegen müsste, um überhaupt eintrittsberechtigt für eine sogenannte „Ü30-Party“ zu sein. Hätte sie sich mit ihren damals 28 Jahren hineinmogeln müssen wie in die Kinovorstellungen ab 18, in die sie sich schon mit 16 schlich? Damals hatte sie immer Glück, dass keiner ihren Ausweis verlangte.

Im Laufe der Jahre hatten weitere Begriffe Einzug in die Gesellschaft gehalten, die heute vollkommen gängig sind:

Ü40

50plus

Generation60+

und nicht zu vergessen:  S i n g l e s . Und Senioren, ein Begriff, der ihr nur von Firmenbezeichnungen her geläufig war, wenn es einen Junior-Chef und seinen Vater gab.

Besonders hinsichtlich der zunehmenden Zahl alleinlebender Menschen, erkannten schlaue Leute schnell, dass sich mit den Singles ein lukratives Geschäft machen ließ. Das Ganze schrie förmlich nach der Schaffung eines Marktes: Kuppelei der Moderne! Niemand wunderte sich mehr darüber, wenn an einem Brückenpfeiler, an einer Litfaßsäule, auf Werbetafeln in U-Bahn und Bahnhof, in Zeitungen, ganz besonders im Internet dafür geworben wurde und wird, sich auf diese Weise einen Partner zu suchen.  An den Überschriften zur Ankündigung von Ü30 oder Ü40 Partys etc. kam man auch fast nirgends vorbei. 

Einen Ausweis braucht man wohl sicher nicht, um die Party zu besuchen, dachte sie. Was allerdings angebracht wäre – sie kicherte leise –: die Vorlage einer Scheidungsurkunde oder der amtliche Nachweis, wirklich ein Single zu sein. Es würde manchem der einsamen Herzen viel Kummer ersparen, wenn Klarheit – sprich Wahrheit herrschen würde. 

Ein feiner Stich durchzog ihr Herz bei der Erinnerung daran, dass sie zwei Mal in ihrem Leben reingefallen war. Von wegen „getrennt“ und „so gut wie geschieden“. Und erfahren hatte sie die Wahrheit erst, als es zu spät war. Sie hatte sich bereits verliebt. Blöde Sache!

Aber die Grenze zwischen Wahrheit, Klarheit und der Lüge oder dem einfach nicht Gesagten ist völlig verschwommen. Vielleicht ist auch das ein beklagenswertes Markenzeichen der heutigen Gesellschaft? Wahrheit hat zu viele Gesichter und wird viel zu oft zum eigenen Vorteil ausgelegt.

Natürlich war trotz nachgewiesenem Singlestatus und vorgelegtem Scheidungsnachweis nicht verbrieft, dass er oder sie überhaupt eine Partnerschaft suchte. 

Eigentlich kein Wunder, dass sich Erwachsene schwertun aufgrund unguter Erfahrungen eine Beziehung zu wagen, überlegte sie. Wenige nähern sich nur so weit dem anderen an, dass ihre dringendsten Bedürfnisse befriedigt, ihre strapazierten Akkus aufladen werden, um dann weiterzuziehen. Festlegen wollen sie sich lieber nicht.

Ü30, Ü40 etc. – das sind ja Kategorien, dachte sie, und ihre Überlegungen zogen weitere Kreise. Und da blühen sie, die „Felder“, auf denen die Ü40er neben den 50plus-sern „eingezäunt“ und wiederum abgegrenzt voneinander sowie von der Generation60+ getrennt bestimmte Dinge tun sollen und dürfen und andere eben altersbedingt nicht mehr tun sollen können dürfen. 

Sie empfand diese ganzen Kategorien, in die die Gesellschaft Menschen heutzutage steckte, wie Schubladen. Was für ein Widerspruch! Einerseits sollte man „nicht in Schubladen denken“ und „flexibel im Denken“ bleiben, andererseits wurde bezeichnet, normiert, eben kategorisiert, indem man die Menschen einteilte in Ü40er, 50plus-ser, Generation60+er.

So wichtig gewisse Normen, Regeln und – ja – auch Kategorien waren. Aber darf man denn Menschen in Kategorien einteilen, fragte sie sich ernsthaft und schüttelte heftig den Kopf, während sie den Wolken am Himmel zuschaute, die im Wind eilig voranzogen.

Dieses ganze Kategorien-Gedöns ging ihr auf die Nerven. Ob sie eine Versicherung abschließen wollte, Anschluss in einem Sportverein suchte oder in ein Bistro ging, überall begegnete sie Empfehlungen und Hinweisen für „die Generation 50plus“, Einladungen zur „Ü40-Party“ oder einem Untertitel wie „… für die besten Jahre des Lebens“. Was wussten die Macher solcher Internetseiten oder Vereinsveranstaltungen von den „besten Jahren des Lebens“? Ganz extrem schlimm fand sie die Überschrift in einer Speisenkarte: „Für unsere Senioren“. Da hatte sich schon beim Lesen ihr Magen verkrampft. 

Natürlich gab es Menschen, die der Überzeugung waren, dass man mit 50 gewisse Dinge einfach nicht mehr tat. Warum eigentlich?? Wer bestimmte denn, ob man mit über 60 noch auf dem Rad durch die Alpen trekkt oder sich mit über 50 in eine Schwimmstaffel gesellt, in der die Mitglieder um die 20 waren?

Nach diesem in der Gesellschaft geläufigen Denken und Sprachgebrauch gehörte sie zu der großen Gemeinschaft jener Menschen plusIrgendwas und zur Heerschar der Singles. – Sie hielt kurz inne in ihren Überlegungen. Singles? Das fühlte sich gar nicht gut an, im heutigen Sinne ein „Single“ zu sein. Es wirkte wie ein Makel. Eine Tasse ohne Henkel. Was bedeutete das Wort denn konkret? Eigentlich hieß es doch nichts weiter als „einzeln“. War sie einzeln? Nein, nicht wirklich. Sie hatte Familie, Freunde, Bekannte, Nachbarn … sie war nicht einzeln. Sie lebte lediglich mit dem leeren Liegestuhl.

Sie beschloss, sich nie wieder als „Single“ bezeichnen zu lassen. Auch gegen das Ablegen in irgendwelche Schubladen würde sie sich weiterhin energisch zur Wehr setzen. Ü40 … 50plus … pah!

Sie fühlte sich viel eher – z e i t l o s .

Ab sofort würde sie sich als „Solistin“ bezeichnen. Das klang nicht nur viel schöner, angenehmer auch, es glich vor allem nicht dem Stempel, den einem die Gesellschaft nebst allen dazugehörigen, vermuteten Eigenschaften aufdrückte.

Solistin … sie lächelte sanft in den Himmel über ihr. Da! Erste Wolkenlücken gaben den Blick frei auf ein prachtvolles Blau. Ein paar Sonnenstrahlen schlüpften durch die Lücken und küssten die Kronen der Bäume hinter dem Garten. 

Die Solistin … und sie würde sich die Gemeinschaft suchen, die sie sich wünschte – vielleicht bei Ü20? Denn sie liebte es, mit jungen Menschen zusammen zu sein. Junge Menschen waren ihr schon immer Inspiration und Lebenselixier durch ihre frische lebendige Art. Als Solistin würde sie ihr eigenwilliges Naturell leben – eben ganz und gar individuell. Ganz sie selbst. Kein Stempel, kein Korsett und vor allem keine Schublade!

Und vielleicht würde sie als Solistin einen Solisten finden, der dachte und fühlte, also „musizierte“ wie sie, der mit ihr gemeinsam eine eigene Lebenssinfonie des irdischen Daseins intonierte. 

Nun, vielleicht auch nicht. Das Musizieren in einem Orchester mit vielen unbekannten (Lebens-)solisten war doch ebenso aufregend und schön und bereichernd. – 

© denktlaut

(Illustration kreiert by KI)

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