Phänomenal und unfassbar!
Ich habe die Hauptrolle bekommen ☺️
In meinem eigenen Leben!
Figur unbekannt und doch die Hauptrolle
Tja, wie kann denn das sein? Ein Theaterstück mit mir in der Hauptrolle – und die Figur, die ich spielen soll, ist unbekannt? Das kann ich relativ leicht erklären. Und trotzdem werden es viele Menschen nicht verstehen.
Wir alle spielen Rollen – jeden Tag
Eigentlich muss man kein Schauspieler sein, um in einem Theaterstück oder Kinofilm eine Rolle zu spielen. Das größte aller Theaterstücke ist ja das eigene Leben, und darin schlüpfen wir alle in die unterschiedlichsten Rollen.
Eine Frau kann Freundin, Ehefrau, Geliebte, Mutter, Hausfrau und darüber hinaus Verkäuferin, Sekretärin, Chefin eines Unternehmens, Pädagogin und unendlich viel mehr sein. Alles in einer Person, in einem Leben.
Gilt auch für Männer, muss ich erwähnen, von wegen Gleichberechtigung und so 😉
Was bleibt, wenn wir Rollen spielen?
Bei all den Rollen, die wir spielen, bleiben wir jedoch wir selbst. Unsere Persönlichkeit bleibt, was sie ist. Lediglich bestimmte Fähigkeiten, Talente sowie Erlerntes aus Erziehung und (Lebens-)Erfahrung leben und nutzen wir in den jeweiligen Rollen.
– Normalerweise!
Und was ist nicht normal?
Über die vielen Rollen, die wir leben, unser Selbst völlig zu vernachlässigen oder es womöglich gar nicht kennenzulernen. Noch schlimmer: es zu vergessen.
Wenn Rollen stärker sind als das Selbst
Eigentlich wollte ich jetzt schreiben: Sehe ich Fragezeichen?
Aber diese Frage muss ich gar nicht stellen. Ich bin überzeugt, dass ihr keine Fragezeichen im Blick habt. Stattdessen sind eure Augenbrauen wissend unter den Pony gewandert (geht auch ohne Pony lach).
Es ist eine Tatsache, dass es ziemlich viele Menschen gibt wie mich, die Zeit ihres Lebens genau und nur die Rollen einnahmen, die vom Umfeld erwünscht und gefordert waren.
Doch irgendwann entdeckt fast jeder, dass irgendetwas nicht stimmt. Nicht stimmen kann.
Spätestens dann, wenn die Rollen wegfallen, weil sie ausgespielt sind oder die Stücke abgesetzt wurden, entsteht ein Gefühl der Leere. Fragen tauchen auf, die sich nicht einfach beantworten lassen.
Manch einer fällt in eine bisweilen tiefe Nachdenklichkeit und/oder Traurigkeit.
Ich denke, viel zu viele Menschen nehmen das einfach hin, ohne ernsthaft darüber nachzudenken.
Ich nicht.
Als plötzlich nur noch ich übrig war
Sein oder nicht sein – müsste ich dafür nicht zuerst die Frage geklärt haben, wer und wie ich eigentlich bin?
Ich wusste schließlich nicht, welche Rolle ich spielen sollte, nachdem fast alle bisherigen aus dem reichhaltigen Angebot nicht mehr gefragt waren. Dem musste ich auf den Grund gehen …
Was mir bis dahin fehlte, war ein Gefühl für mich selbst.
Solange ich meine Bedürfnisse denen aller anderen unterordnete und einzig danach strebte, alle anderen zufrieden, glücklich, gesund, stark … zu machen, nahm ich eigene Bedürfnisse überhaupt nicht wahr. Gefühle unterdrückte ich lieber, denn sie störten bei der Pflichterfüllung, die ich mir – weiß der liebe Himmel, warum – selbst auferlegt hatte.
Nach und nach waren die Rollen alle futsch.
Meine Bedürfnisse standen am Türspalt Schlange – und nein, sie baten nicht um Erlaubnis, eintreten zu dürfen. Sie fielen über mich her.
Mit ihnen lernte ich allmählich Gefühle kennen. Vor allem die unangenehmen, die ich sorgsam eingekerkert hatte. Irgendwer hatte ihnen irgendwann den Schlüssel gegeben. Das nutzten sie schamlos aus.
In einer Schlange zu stehen mochten sie gar nicht.
Weder hielten sie sich an Ordnung noch an einen Zeitplan oder fragten nach meiner Bereitschaft, mich mit ihnen zu befassen.
Heißt im Klartext: Sie erschienen und erscheinen, wann sie wollen – meist in den unpassendsten Situationen.
Ich gab auf, mich diesem Prozess zu entziehen. Inzwischen bin ich sogar bereit, ihnen die Tür sperrangelweit aufzureißen. Denn der Umgang mit ihnen ist deutlich einfacher, wenn ich ihnen erlaube, zu sein.
Veränderung braucht Zeit – und Vertrauen
Nicht dass ihr denkt, Erkenntnis hätte mich hoppdiwupp durch den Veränderungsprozess geführt und ich wäre im Handumdrehen ganz und gar ich selbst gewesen.
So läuft der Prozess der Selbstfindung nicht.
Es dauert tatsächlich Jahre.
Phasenweise ist der Wandel zäh. Dann wieder überrollt er mich – oder rollt mich ein –, sodass ich kaum hinterherkomme. Doch nichts wurde und wird mir zugemutet, das nicht zu verkraften ist.
Seele, Geist und Körper arbeiten immer gemeinsam.
Sie bestimmen allerdings auch Tempo und Rhythmus. Es braucht Vertrauen in diese Dreiheit, damit eine Einheit daraus wird.
Eigentlich logisch, oder?
Was wir jahrelang an unterschiedlichsten Rollen einstudiert und praktiziert haben, kann sich einfach nicht in kürzester Zeit verändern. Anpassung braucht Zeit, Geduld und Vertrauen.
Mein Leben. Meine Rolle. Mein Abenteuerland.
Zumindest das, was davon übrig ist. Und da hoffe ich, dass ich mich etwa am Ende des zweiten Drittels befinde.
Man kann es auch sportlich betrachten: Ein Eishockey-Team kann im letzten Spieldrittel das Ruder völlig herumreißen und eine Partie gewinnen. Das schaffe ich für mein letztes Drittel auch!
Als mir bewusst wurde, dass ich die alten Rollen gar nicht mehr spielen wollte, öffnete sich vor meinem geistigen Auge ein großes Tor, über dem ABENTEUERLAND *) stand. Als ich am selben Tag ins Auto stieg und das Radio einschaltete, hörte ich PUR mit ebenjenem Titel.
Zufall?
Ich behaupte immer, den gibt es nicht.
Vielleicht kennt ihr den Text zur Musik von Hartmut Engler, der von einem kleinen Jungen singt. Man kann ihn auch auf ein kleines Mädchen beziehen – und das war ich schließlich mal … und bin es noch tief im Innern.
Fazit:
Ab sofort spiele ich die Rolle meines Lebens: MICH.
Das Beitragsfoto stammt von Willi van de Winkel bei pixabay.
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